Pfarrkirche St. Gallus

Baugeschichte: Die älteste fromme Legende von Gattnau erzählt, dass schon zur Zeit des hl. Gallus der Priester Marzell in Gattnau eine Kapelle errichtet habe. Urkundlich ist hiervon leider noch nichts belegt. Sehr wahrscheinlich war Gattnau über lange Zeit Filialkirche von Wasserburg. Im Jahr 1412 wurde erstmals urkundlich erwähnt, dass Gattnau geistiger Mittelpunkt unserer Gemeinde war. Der Graf von Montfort und das Spital Lindau stritten sich um die Niedergerichte in Gattnau und Laimnau. In den Investiturprotokollen der Diözese Konstanz wird dann berichtet, dass am 8. Oktober 1437 ein Johannes Holzhauser in der neu errichteten Pfarrkirche zum Pfarrer ernannt wurde. Obwohl Gattnau kein besonders großer Ort war, spielte es aufgrund seines sehr alten und großen Pfarrsprengels eine wichtige Rolle. Zeugnis dieser einstigen Bedeutung legt noch heute der ganze Bereich m die Pfarrkirche mit Pfarrhaus, Kaplaneihaus und zwei Schulhäusern ab. 1788 befand sich die Pfarrkirche in sehr baufälligem Zustand und war zu klein geworden. Deshalb wurde die alte Kirche abgerissen und bis 1793 durch einen Neubau ersetzt. Nur der Turm blieb stehen.

Außenbau: Das Äußere der Gattnauer Pfarrkirche wird durch ihren großen Turm mit Staffelgiebel und Dachreiter geprägt.  Im Turm hängen vier Glocken. Davon sind zwei aus dem Jahr 1514 und eine von 1620. Die vierte Glocke ist von 1953, da ihre beiden Vorgängerinnen, gegossen 1881 und 1935, im Ersten bzw. Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt und zu Rüstungszwecken eingeschmolzen wurden. Während die Seitenportale schlicht gehalten sind, hat der westseitige Haupteingang einen schönen Vorbau. Dieses historisierende Aussehen hat die Kirche seit 1903, als der Kirchenbaumeister Josef Cades die Pfarrkirche renovierte.

Innenraum: Im Innern wird die Gattnauer Pfarrkirche von der neuen Schlichtheit der 60er-Jahre bestimmt. 1962 wurde die alte klassizistische Einrichtung samt den Altären entfernt und die Kirche neu gestaltet. 

Chorraum:

Mittelpunkt der Kirche ist der Zelebrationsaltar, um den sich die Gemeinde versammelt. Der Altar ist das Zentrum der Eucharistiefeier und versinnbildlicht den "Tisch des Herrn". Er symbolisiert auch Christus selbst als "Leben spendenden Felsen". Gemäß den Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde der Altar dem Kirchenschiff angenähert. Damit kann der Priester eine der Gemeinde zugewandte Stellung einnehmen. Der aus italienischem Verde-Issogne-Marmor geschaffene Altar ist eine Stiftung der Fa. Friesinger aus Kressbronn und wurde 1965 geweiht.

Tabernakel:

Im Tabernakel (lateinisch "tabernaculum" = Hütte, Zelt) wird das geheiligte eucharistische Brot aufbewahrt (Allerheiligstes). Der vergoldete Tabernakel ist mit zwölf Bergkristallen verziert. Er symbolisiert das Neue Jerusalem, die Himmlische Stadt, mit ihren zwölf Toren, die jeweils mit einem Edelstein geschmückt sind (Offb. 21,10). 

Der Ewig-Licht-Leuchter neben der Sakristeitür ist ein Hinweis auf die Gegenwart der Eucharistie.

Linker Seitenaltar:

Maria mit Jesuskind, überlebensgroß. Diese Mutter bringt der Welt den Erlöser. Vielen Katholiken ist Maria menschliche Mittlerin zum göttlichen Christus. Unter den Füßen Mariens windet sich die zertretene Schlange, die noch den Apfel der Versuchung in ihrem Maul trägt. Diese Marienstatue wurde 1963 vom Kunstbildhauer Georg Gebhart, Isny, aus Lindenholz geschaffen. 

Neben dem Marienaltar steht als Vortragefigur die "Gattnauer Madonna" mit Krone und Szepter, auf der Mondsichel stehend. Das kennzeichnet sie als "Himmelskönigin". Sie stammt aus dem späten 17. Jahrhundert und wird wie das gegenüberstehende Vortragekreuz, noch heute bei Prozessionen mitgeführt.

Rechter Seitenaltar:

Hl. Josef. Alles, was man über Josef von Nazaret weiß, geht auf Berichte der beiden Evangelisten Lukas und Matthäus zurück, die ihn mehrfach erwähnten. Trotz spärlicher Angaben zum Leben und Wirken des Bräutigams Mariens gehört Josef zu den meist verehrten Kirchengestalten überhaupt. Seit 1825 gibt es in Gattnau eine Josefsbruderschaft. Sie stiftete 1967 diese Josefsstatue, die von H. Hölderich in Oberammergau gefertigtwurde. Als Attribut trägt der hl. Josef einen Zimmermannswinkel und hält seine schützende Hand über die Gattnauer Kirche. Die Marienstatue und der hl. Josef sind von jeweils drei Putten umgeben. Sie zierten früher die Nebenaltäre und die alte Kanzel. Wahrscheinlich stammen sie schon aus dem Vorgängerbau unserer Kirche.

Deckengemälde:

 Die Deckengemälde im Chor und im Mittelschiff sind Werke des Kunstmalers Siebenrock aus Stuttgart. Sie wurden 1903 geschaffen, als man die Kirchenschiffmauern um 2 m erhöhte und die Kirche einen neuen Dachstuhl bekam. Leider wurden dadurch die Deckengemälde des aus Kressbronn stamenden Künstlers Andreas Brugger zerstört. Ältere Gemeindemitglieder erzählen heute noch davon, dass sich bei Siebenrock Freiwillige zum Porträtstehen melden konnten und somit in den Deckengemälden verewigt sind.

Auf dem großen Deckengemälde im Chor ist Jesus mit seinen Jüngern beim Letzten Abendmahl dargestellt. Das Mittelschiff ist in große Felder aufgeteilt. Der Zyklus beginnt über der Orgelempore und zeigt die Schutzpatrone der Kirchenmusik: König David mit Harfe und die hl. Cäcilia an der Orgel.
Die weiteren  sechs Bilder sind dem Andenken des Kirchenpatrons St. Gallus gewidmet. Sie zeigen Szenen aus der Lebensgeschichte des Heiligen. Im ersten Bild vertreibt St. Gallus mit der Kraft des Kreuzes die bösen Dämonen. Danach zerstört er im Missionseifer die Götzenbilder der Alemannen. Im nächsten Bild ist die Legende mit dem Bären dargestellt. In der Nacht kam ein Bär und machte sich über die Reste des Abendessens her. Gallus, der keine Furcht vor wilden Tieren hatte, befahl dem Bären, Holz fürs Feuer herbeizuschaffen. Im Bild daneben ist Gallus am Hofe des Alemannenfürstens Gunzo: Er hat dessen Tochter von Besessenheit geheilt und so doch noch das Wohlwollen des Fürstens erhalten. Im nächsten Bild wird Gallus die Bischofswürde von Konstanz angetragen. Doch er lehnt ab und empfiehlt seinen Gefährten Johannes. Abgeschlossen wir der Bilderzyklus mit der Todesstunde unseres Kirchenpatrons. Gallus soll 95 Lebensjahre erreicht haben. Er starb am 16. Oktober, wahrscheinlich im Jahre 640.

Glasmalerei:

Die drei großen Chorfenster sind anläßlich der Kirchenreovierung im Jahr 1962 entstanden. Der Vorarlberger Künstler Konrad Honold hat sie entworfen und mit der Firma Mader aus Innsbruck ausgeführt. Das mittlere Fenster zeigt uns Christus am Kreuz. Auf ihn schaut und ihm vertraut die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde. Das linke Fenster ist dem Apostel Petrus gewidmet. Es stellt ihn mit Schlüssel, Petersdom und Fischen dar. "Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen." Durch diese Worte Jesu wurde der Fischer Simon zu Petrus und später zum ersten Oberhaupt der Kirche. Im rechten Fenster sehen wir Paulus, den Völkerapostel, der vom Christenverfolger zum leidenschaftlichen Missionar wurde.

Wandfiguren:

Sie sind Werke des Tettnanger Bildhauers Karl Reihing (1828-1887) und kamen 1873 in unsere Kirche. Auf der rechten Seite sehen wir unseren Kirchenpatron St. Gallus, zu erkennen an seinen Attributen als Mönch und Pilger mit Bär. Der hl. Gallus missionierte von 609 bis zu seinem Tode 640 rund um den Bodensee und gründete das spätere Kloster „St. Gallen".  Gallus faszinierte die etwas rauen Alemannen vor allem durch sein Wort und zeichnete sich neben seiner leidenschaftlichen Frömmigkeit durch Menschenliebe und Naturverbundenheit aus; auch Heilungen wurden ihm zugeschrieben.

Die Heiligenfigur an der gegenüberliegenden Wand stellte 90 Jahre lang den Johannes mit Wanderstab und Buch dar. Bei der Renovierung 1963 bekam sie jedoch ein Schwert in die Hand gedrückt und wird jetzt als hl. Paulus verehrt.

Die Pietà an der rückwärtigen Innenwand hat ebenfalls eine bewegte Geschichte. Sie stammt auch von Karl Reihing aus Tettnang. Sie war 1963, wie viele andere Kunstgegenstände, zur Finanzierung der Kirchenrenovation verkauft worden. Glücklicherweise erwarb sie Ludwig Honold aus Nitzenweiler und schenkte sie nach seinem Tod an die Kirchengemeinde zurück. So kehrte sie 2005 nach 42 Jahren in unsrere Pfarrkirche zurück. Die Pietà zeigt Maria, die um ihren toten Sohn auf ihrem Schoß trauert. Die schmerzhafte Mutter ist für uns Zeichen der Hoffnung und des Glaubens an die Auferstehung.

Text: Walter Schmid
Bilder: Kressbronner Kirchenweg, Albert Stöckle
Ton: Albert Stöckle

Monatsrätsel 2013: